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Rettungswagen kommen nicht weiter Notärzte verlieren im Kölner Stau wertvolle Minuten

Rettungsgasse24
Herausgegeben von in So nicht ·
Köln -Nord-Süd-Fahrt. Wochentags. 18 Uhr. Nichts geht mehr. „Ziehen sie bitte vor“, schallt es genervt aus den Lautsprechern des Rettungswagens. Keine Bewegung. Martinshorn.

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Täglich zu beobachten: Rettungsdienste stecken im Stau fest. Das Problem nimmt mit zunehmendem Verkehr seit Jahren zu.                     Foto: Rosenbaum

Einige Wagen fahren langsam in Richtung Bordsteinkante. Stoßstange an Stoßstange stehen sie. Der Platz reicht nicht zum Ausweichen. Nun das ganze Programm: Blaulicht, Martinshorn und Ansage durch die Lautsprecher. Die Autos in der ersten Reihe ziehen endlich in die Kreuzung vor. Jetzt ist der Platz für eine Gasse da. Zug um Zug entsteht sie. Der Rettungswagen kann weiterfahren.

Minuten sind darüber ins Land gegangen. Minuten, die bei einem Herzinfarkt über Leben und Tod entscheiden können. Und dennoch, die eben beschriebene Szene spielt sich in Köln tagtäglich ab, mehrfach. „Das ist ein Problem, und es ist immer schlimmer geworden.“ sagt Jörg Seemann, Sprecher der Kölner Feuerwehr. Doch er muss zugleich einräumen, eine Lösung sei dafür nicht in Sicht.

Zunehmendes Problem

Acht Minuten nach dem Notruf. Das ist sogenannte Hilfszeit. In dieser Zeit sollen Rettungswagen in 90 Prozent der Einsätze vor Ort sein. In Köln wird die Frist laut Statistik eingehalten. Allerdings stammen die jüngsten Erhebungen aus dem Jahr 2012, sind also rund vier Jahre alt. Jahre, in denen das Problem Verkehr gewachsen ist. „Aus meiner Erfahrung heraus, ist es vor allem in den vergangenen drei Jahren immer häufiger dazu gekommen, dass wir bei Rettungseinsätzen mit Staus zu kämpfen haben“, sagt Seemann. Er kann aus eigener Anschauung berichten.

Problem Nummer eins, das geringere: „Manchmal macht es das Umfeld unmöglich, eine Gasse zu bilden.“ Am Straßenrand befinden sich unmittelbar Gitter oder ein Gebäude. Problem Nummer zwei, das größere: „Viel Autofahrer wissen einfach nicht mehr, wie eine Rettungsgasse zu bilden ist.“ Seemann kennt die Situationen aus dem Feuerwehrwagen heraus. „Die Autofahrer sind eh schon angespannt, weil sie auf dem Heimweg nicht voran kommen – und dann bauen wir auch noch Stress dahinter auf.“ Das ist die Grundsituation. So gesehen kann der Feuerwehrmann schon ein bisschen verstehen, dass der ein oder andere vielleicht die Orientierung verliert. Wofür er aber überhaupt kein Verständnis aufbringen kann, ist, wenn ein Autofahrer sich weigert, eine hohe Kante eines Bordsteins oder einer Fahrbahnabgrenzung hoch zu fahren, weil er sich Sorgen um seine Felgen macht. Alles schon erlebt. „Dann hilft nur noch die persönliche Ansprache“, sagt Seemann bitter lächelnd. Aussteigen, ans Fenster klopfen und mit dem Fahrer ein eindrückliches Gespräch führen. Ihm verdeutlichten, dass es um Menschenleben, nicht um schicke Alu-Felgen geht.

Fehlende Statistiken

So verlieren die Rettungswagen Zeit im Stau. Todesursache Nummer eins ist in Deutschland neben dem Schlaganfall der Herzinfarkt. Herzmuskelzellen werden aufgrund einer Verstopfung der Herzkranzgefäße nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Bereits nach 20 Minuten sterben die Zellen ab – gemessen ab Beginn des Infarktes. Werden also noch die Zeit bis zum Notruf und die Minuten im Stau eingerechnet, kann es eng werden, in einen Fällen sicherlich zu eng. „Wir erfassen aber nicht, ob wir wegen eines Staus später gekommen sind. Auch wird nicht analysiert, ob die Verspätung Mitursache für den Tod eines Patienten ist“, sagt Seemann. Ein Defizit, wie er einräumt, denn: „Um das Problem mit den Verkehrsbehinderungen angehen zu können, müssten wir es erst einmal in einer Statistik erfassen.“

Doch eine solche Statistik liegt in weiter Ferne. „Diese Daten zu erfassen, würde neben Wetterverhältnissen und Nachtfahrten nur einen Aspekt beleuchten. Der Aufwand steht daher derzeit in keinem Verhältnis zum Erkenntnisgewinn“, sagt Kölns Feuerwehrchef Johannes Feyrer. Ändern könnte das eine elektronische Einsatzdokumentation. Eine Arbeitsgruppe hat sich dazu bei der Feuerwehr gegründet. Sie soll ausarbeiten, wie eine solche Einsatzdokumentation in Köln umgesetzt werden könnte. Doch aus internen Kreisen heißt es, für konkrete Ergebnisse werde es wohl noch zwei Jahre brauchen.

Gefürchtete Routen

Die Strecken, die bei den Rettungskräften vor allem in den Nachmittagsstunden wegen Staugefahr gefürchtet sind: Nord-Süd-Fahrt, Rheinufer, Riehler Straße, Amsterdamer Straße und Bergisch Gladbacher Straße. „Daneben sind es ganz besonders die Rheinbrücken, die in den Hauptverkehrszeiten Probleme machen“, sagt Feuerwehrsprecher Jörg Seemann.

Dabei sind es vor allem diese Strecken, die als gängige Routen für Rettungsfahrten vorgesehen sind, um die jeweiligen Stadtteile innerhalb der acht Minuten zu erreichen. Seemann: „In der Praxis drehen wir beispielsweise einfach um, wenn wir sehen, dass eine Rheinbrücke dicht ist und versuchen es über eine andere Brücke.“ Eine Verspätung könne so auch nicht verhindert werden. Aber vielleicht sei sie dann nicht mehr so groß. Steckt ein Rettungsdienst hoffnungslos im Stau fest, muss die Wache informiert und ein neuer Wagen rausgeschickt werden.


Quelle: http://www.rundschau-online.de/23811330 ©2017




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