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Wenn die Helfer zu spät kommen

Rettungsgasse24
Herausgegeben von in So nicht ·
Von dpa-Korrespondentin Jennifer Jäger

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Vorbildlich: eine Rettungsgasse auf der Autobahn nach einem Unfall.

Kassel/Frankfurt
Neulich auf der A7 bei Kassel: Ein Autofahrer streift beim Auffahren auf die Autobahn einen Sattelzug, kollidiert mit einem weiteren Fahrzeug. Es kommt zu einem langen Stau. Dass bei dem Crash niemand verletzt wurde, wissen die Helfer zu diesem Zeitpunkt noch nicht - sie müssen loslaufen, zwei Kilometer lang zwischen den stehenden Autos hindurch, Stress pur. Der Grund: Die übrigen Verkehrsteilnehmer hatten keine Rettungsgasse gebildet.

Es zählt jede Minute

Solche Szenen kommen immer häufiger vor. Dabei entscheiden im Ernstfall Minuten über Leben und Tod: "Vor allem schwer und schwerst verletzte Unfallopfer müssen möglichst schnell versorgt werden- hier zählt jede Minute", erklärt Oliver Reidegeld, Sprecher des Autoclubs ADAC Hessen-Thüringen. Fehlt die Gasse, werden auch die Rettungskräfte zusätzlich belastet, wie Günter Ohlig vom Landesverband Hessen im Deutschen Roten-Kreuz weiß: "Wenn die Sanitäter erst noch zur Unfallstelle laufen müssen, ist das natürlich eine erhebliche Stresssituation."                

Warum wird die Rettungsgasse so selten richtig gebildet? Ulrich Urban, Fahrlehrer aus Offenbach, führt das Problem auf die Gedankenlosigkeit vieler Autofahrer zurück: "Das Thema wird in den Fahrschulen natürlich gelehrt. Aber das ist wie mit vielen Verkehrsregeln: Man kann schulen, so viel man will - wenn die Menschen das nicht verinnerlichen, verläuft das im Sand".

Der Frankfurter Verkehrspsychologe Peter Fiesel spricht hier sogar von einem gesamtgesellschaftlichen Problem: "Ich beobachte einen zunehmenden Egozentrismus in der Gesellschaft, während Mitgefühl und Rücksichtnahme schwinden." Die Menschen seien immer mehr mit sich selbst beschäftigt - und im Auto zusätzlich von der restlichen Umwelt abgeschnitten.

Damit das Thema "Rettungsgasse" den Autofahrern bewusster wird, hat die hessische Landesregierung 2015 eine Kampagne gestartet: 50 Banner, die im Wechsel an verschiedenen Brücken entlang vielbefahrener Autobahnen aufgehängt werden, sollen die Verkehrsteilnehmer ebenso sensibilisieren wie Flyer, Plakate und Aufkleber. Laut Innenministerium hat sich das Land Hessen außerdem gegenüber dem Bund für eine Vereinfachung der Regelung zur Bildung einer Rettungsgasse eingesetzt. Die bisherige Vorschrift habe in der Praxis immer wieder zu Problemen geführt, da die Rettungsgasse auf vierspurigen Autobahnen in der Mitte gebildet werden musste, hieß es.

Seit der Änderung im Dezember gilt laut Paragraf 11 Absatz 2 der Straßenverkehrsordnung nun unabhängig von der Fahrstreifenzahl folgende Faustregel: "Sobald sich ein Stau bildet - und auch schon bei zäh fließendem Verkehr - orientieren sich Autofahrer auf der äußersten linken Spur nach links, alle anderen nach rechts", erklärt Matthias Mänz, Sprecher der Polizei Nordhessen. Das Problem sei, dass die Gasse oft zu spät entstehe. Dann seien die Abstände bereits zu gering.

Der Unfall auf der A7 bei Kassel ging trotz fehlender Rettungsgasse noch einmal glimpflich aus. Auch den Autofahrern könne in diesem Fall ausnahmsweise kaum ein Vorwurf gemacht werden, betont Mänz: "Es gab an dieser Stelle auch eine Baustelle, die sehr eng war". Grundsätzlich appelliere die Polizei aber an die Autofahrer, das Thema immer im Hinterkopf zu behalten und so früh wie möglich eine Gasse zu bilden.                

© Südhessen Morgen, Freitag, 10.03.2017



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